Sewing zum Mediengespräch anlässlich IWF-Herbsttagung

Eingangsstatement Christian Sewing zum Mediengespräch anlässlich IWF-Herbsttagung 

Christian Sewing, Präsident des Bankenverbands, Vorsitzender des Vorstands, Deutsche Bank Aktiengesellschaft 

13. Oktober 2021

Es gilt das gesprochene Wort

Guten Morgen meine Damen und Herren,

auch ich begrüße Sie herzlich zu unserem heutigen Mediengespräch. Die Herbsttagung von IWF und Weltbank ist – wie in jedem Jahr – ein guter Anlass, den Puls der Weltwirtschaft zu messen und über die großen Herausforderungen der Zeit zu sprechen – auch wenn die meisten von uns in diesem Jahr erneut nicht in Washington sein werden.

Wir alle haben noch vor Augen, woher wir kommen: Die globale Wirtschaft musste im vergangenen Jahr ein tiefes Tal durchschreiten, zeitweise standen viele Räder durch Corona still. Dieses Stadium haben wir zwar inzwischen hinter uns gelassen, die Zeichen stehen auf Aufschwung. Allerdings kann die Pandemie die Erholung noch immer ausbremsen. Hinzu kommen weitere Unsicherheiten, die das globale Wachstum belasten.

Jenseits der unmittelbaren Konjunkturentwicklung stellen sich aber vor allem zwei Fragen. Erstens: Wie sortiert sich die Weltwirtschaft neu; wem gelingt es, die Zukunftsmärkte zu erobern und damit die Standards, Regeln und Werte in der Welt von morgen zu setzen? Und zweitens: Wie schaffen wir es, den Aufbruch in ein klimaneutrales und digitales Wirtschaften noch zu beschleunigen? Und dabei hängen beide Fragen miteinander zusammen.

Gerade für die Finanzwirtschaft sind dies spannende Zeiten – mit großen Herausforderungen, aber eben auch großen Chancen. Wir Banken sehen uns als wesentlichen Teil einer Transformationsgeschichte, die die deutsche und europäische Wirtschaft in den kommenden Jahren schreiben muss und schreiben wird.    

Weltwirtschaft: deutliche Erholung, aber Pandemie bremst

Aber lassen Sie mich mit den aktuellen Zahlen und Prognosen beginnen. Die Weltwirtschaft hat sich in diesem Jahr schneller erholt als von vielen erwartet: Mit rund 6 % wird das Wachstum 2021 fast zweieinhalb Prozentpunkte über dem Durchschnittswert der vergangenen Dekade liegen. Für das Jahr 2022 prognostizieren die Chefvolkswirte der privaten Banken ein globales Wirtschaftswachstum von immerhin noch rund 4 ½ %, auch das ein Wert, der den langjährigen Durchschnitt übertrifft.

Diese optimistische Prognose steht aber natürlich unter Vorbehalt. Gerade der Blick auf die Schwellenländer führt uns vor Augen, dass wir von einer stabilen Erholungsphase möglicherweise noch ein Stück entfernt sind. Viele dieser Länder kommen doppelt geschwächt aus den vergangenen achtzehn Monaten. Ihre finanziellen Ressourcen waren einerseits nicht ausreichend, um die Wirtschaft während der Lockdowns in ähnlicher Weise zu unterstützen, wie das in Europa oder den USA möglich war. Andererseits gingen sie finanziell dennoch bis an ihre Grenzen, zum Teil auch weit darüber hinaus – mit entsprechenden Folgen für die Staatsfinanzen.

Hinzu kommt: Weil in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern die Impfquote nach wie vor niedrig ist, zwingt die Deltavariante bereits vielerorts dazu, das öffentliche Leben erneut einzuschränken. Deswegen ist klar: Weltweit betrachtet muss die Impfkampagne noch deutlich an Tempo zulegen. Solange Teile der Welt unter Corona leiden, wird der wirtschaftliche Aufschwung brüchig bleiben.

Auch eine weitere Folge der Pandemie tangiert die europäische Wirtschaft ganz unmittelbar: Rohstoffmangel, Materialknappheit, Lieferengpässe. Die weltweite Arbeitsteilung macht uns besonders anfällig für diese Phänomene. Deshalb bin ich davon überzeugt: Um unsere Wirtschaft insgesamt widerstandsfähiger zu machen, müssen wir wirtschaftliche Abhängigkeiten reduzieren und Lieferketten diversifizieren.

Dies ist eine Aufgabe, die sich in erster Linie den Unternehmen stellt. Die EU und ihre Mitgliedstaaten sollten hierbei nur eine flankierende Rolle spielen. Zumal wir es mit einer Gratwanderung zu tun haben: Denn Produktionskapazitäten nach Europa zurückzuholen mögen manche als Einladung verstehen, dieses Europa gleich zu einer Festung auszubauen. Deswegen möchte ich ausdrücklich davor warnen, das gegenwärtige Niveau weltweiter Waren- und Investitionsströme grundsätzlich in Frage zu stellen. Wir brauchen in einigen strategischen Bereichen mehr Diversifizierung, teilweise auch ein Stück Autonomie, aber wir brauchen ganz sicher keine Bestrebungen in Richtung Autarkie. Freihandel und globale Arbeitsteilung bleiben von existenzieller Bedeutung für unseren Wohlstand – gerade in Deutschland und Europa.

Europa und Banken im globalen Wettbewerb

Die Fragen nach Lieferketten, Autonomie und Souveränität sind Teil einer noch größeren Diskussion über globalen Wettbewerb und um die Frage nach Europas Rolle in der Welt. Leider haben wir an diesem Punkt noch immer eine Wahrnehmungsschwäche. Nach wie vor wird unterschätzt, dass der globale Wettbewerb um die maßgeblichen

Zukunftstechnologien noch erheblich schärfer werden wird. Eines muss uns daher noch viel stärker ins Bewusstsein rücken: Die Entscheidungen, die wir heute treffen oder nicht treffen, die Investitionen, die wir heute tätigen oder nicht tätigen, die Ansprüche, die wir heute durchsetzen oder nicht durchsetzen, entscheiden wesentlich darüber, ob Europa in zehn Jahren noch wettbewerbsfähig sein wird oder nicht. Die weltwirtschaftlichen Gewichte verschieben sich, und wenn wir nicht aufpassen, kämpft unser Kontinent bald nur noch in der Leichtgewichtsklasse.    

Aus Sicht der privaten Banken sind drei Dinge nun entscheidend:

Erstens: Europa muss sich dem globalen Wettbewerb stellen und eine Investitionsoffensive einläuten!

Ich bin nach wie vor davon überzeugt: Dieses Europa hat alle Möglichkeiten! Mit dem Programm Next Generation EU hat die Europäische Union eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie in schwierigen Zeiten handlungsfähig ist. Auch die in jüngster Zeit vereinbarten Ziele und Maßnahmen zum Klimaschutz, zur Digitalisierung und zur Wettbewerbsfähigkeit weisen in die richtige Richtung. Ähnliche Wünsche und Absichten hatte Europa allerdings auch schon in der Vergangenheit formuliert. Schon bis zum Jahr 2010 wollte sich die Europäische Union zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt entwickelt haben.

Es ist daher ganz entscheidend, dass Europa den Wettbewerb nicht nur auf dem Papier annimmt. Wenn anderswo mehr Kapital für die Finanzierung von Zukunftstechnologie zur Verfügung steht, wenn die USA dauerhaft 3 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung in Forschung und Entwicklung stecken, Europa aber nur 2 Prozent, dann nützen Absichtsbekundungen nur wenig. Dann ist dies auch keine Frage fehlenden Geldes, sondern eine Frage der Prioritäten und eine Frage der Haltung.

Europas Innovations- und Wachstumspotenzial ist groß, aber unser Kontinent steht vor einem beispiellosen Transformationsjahrzehnt, für das er noch nicht gut aufgestellt ist. Im zurückliegenden Bundestagswahlkampf konnte man teilweise den Eindruck gewinnen, dass vor allem der Staat Investitionen stemmen müsse, um Deutschland klimaneutral und wettbewerbsfähig zu machen. Dieser Eindruck, um es klar zu sagen, ist irreführend. Niemand bestreitet, dass es einen erheblichen staatlichen Investitionsbedarf gibt. Um die Transformation unserer Wirtschaft und das Ziel „Null Emissionen bis 2045“ finanzieren zu können, müssen wir aber in erster Linie privates Kapital mobilisieren. Leistungsfähige Banken und Kapitalmärkte sind daher unabdingbar für den Umbau unserer Wirtschaft. Ohne sie wird es nicht gehen.

Damit wir im Jahr 2030 nicht auf ein Jahrzehnt der verpassten Möglichkeiten zurückblicken, müssen die Weichen für mehr Investitionen jetzt gestellt werden. Mit anderen Worten: Die Arbeit an der Kapitalmarkt- und der Bankenunion muss in den kommenden Monaten allergrößte Priorität genießen.

Deshalb lautet der zweite Appell: Wir müssen den europäischen Finanzbinnenmarkt so rasch wie möglich verwirklichen!

Ich weiß, dass dies nicht unbedingt ein Projekt ist, mit dem sich die europäische Öffentlichkeit elektrisieren lässt. Aber das ändert nichts daran, wie dringend es ist. Denn am Ende werden alle von einem europäischen Finanzbinnenmarkt profitieren: Unternehmen, die leichter an Kapital kommen, Verbraucher, die unter sehr viel mehr Finanzprodukten auswählen können, Banken, die endlich einen großen Heimatmarkt hätten und dadurch einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den USA überwinden könnten.

Wir registrieren, dass es in der jüngeren Vergangenheit kleinere Fortschritte auf dem Weg zu einer Kapitalmarktunion gegeben hat. Vieles aber ist noch immer Stückwerk, ein großer Wurf zeichnet sich bislang nicht ab. Den aber brauchen wir. Dazu zählt unter anderem ein funktionierender Verbriefungsmarkt, ein besonders wichtiger Baustein in der europäischen Investitionsarchitektur. Verbriefungen tragen dazu bei, Kapitalnachfrage und Kapitalangebot zueinander zu führen und dadurch Investitionen zu erleichtern. Gleichzeitig werden Bankbilanzen entlastet. Dieses Potenzial dürfen wir nicht brachliegen lassen. Wir tun es gegenwärtig aber: Wegen regulatorischer Schranken erreicht der europäische Verbriefungsmarkt nur ein Zehntel der Größe des amerikanischen Pendants.

Und erst recht müssen wir das Potenzial des Bankensektors ausschöpfen, wenn wir Kapital in Europa mobilisieren und in die richtigen Bahnen lenken wollen. Hierzu benötigen wir Banken, die einen klaren europäischen Horizont haben. In den vergangenen Jahren haben wir in dieser Hinsicht eher einen Rückschritt erlebt, viele Institute haben sich aus anderen europäischen Märkten zurückgezogen.

Diesem Trend müssen wir dringend entgegenwirken. Er ist die Folge eines nach wie vor uneinheitlichen Rechtsraumes mit voneinander abweichenden Regeln, der paneuropäisches Bankgeschäft behindert. Umso wichtiger ist es, dass die Bankenregulierung und weitere wichtige Rechtsgebiete stärker harmonisiert werden, langfristig zum Beispiel auch das Insolvenzrecht. Banken in Europa müssen die Möglichkeit, den Anspruch und die Größe haben, das Finanzierungs- und Kapitalmarktgeschäft in seiner ganzen Breite zu beherrschen, sodass sie leistungsfähige Partner für die europäische Wirtschaft sein können. Dafür ist es auch notwendig, dass in der EU innerhalb einer Bankengruppe Kapital und Liquidität frei fließen dürfen – das Stichwort lautet „grenzüberschreitende Kapital- und Liquiditätswaiver“. Auch hier benötigen wir Fortschritte.

Es wäre ein strategischer Fehler, wenn wir uns in einer zunehmend fragmentierten und von nationalen Interessen dominierten Welt noch stärker von globalen Banken abhängig machten, die ihren Sitz außerhalb Europas haben.

Über allem steht daher die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Finanzplatzes. Die Frage der Wettbewerbsfähigkeit geht weit über unsere eigene Branche hinaus. Ich bin überzeugt, dass der leistungsfähige US-Banken- und Kapitalmarkt einer der großen Standortvorteile der Vereinigten Staaten war und ist – mit positiven Auswirkungen auf die ganze amerikanische Volkswirtschaft. Das aber zeigt, welches Potenzial wir hier brachliegen lassen.

Deshalb, und das ist mein dritter Punkt, müssen wir alle Hebel in Bewegung setzen, die Profitabilität des deutschen und europäischen Finanzsektors zu steigern!

Das ist vor allem Aufgabe der Banken – keine Frage. Dazu gehören aber auch faire Wettbewerbsbedingungen, also ein wirkliches Level Playing Field. Das haben wir gegenwärtig nicht: Die regulatorische Schieflage im Wettbewerb mit den Big Techs, die Teile des Bankengeschäfts abgreifen und von ihren großen Datenbergen profitieren, ist mit Händen zu greifen. Aber auch andere Finanzakteure, die in klassische Geschäftsfelder von Banken vordringen, unterliegen einer anderen, im Zweifel einer schwächeren Regulierung. Das zeigt: Wenn europäische Banken immer restriktiver reguliert werden und das Geschäft dadurch in andere Finanzbereiche abwandert, ist für die Stabilität nichts gewonnen.

Eine Regulierung, die europäische Institute benachteiligt und den Besonderheiten des europäischen Bankensektors nicht gerecht wird, ist ein Standortnachteil. Das gilt mit Blick auf Basel IV, wo wir Gefahr laufen, dass die Kreditvergabe der europäischen Banken erheblich beschnitten wird. Das gilt auch mit Blick auf die Beiträge für den Europäischen Abwicklungsfonds, die über die ursprünglich anvisierte Höhe deutlich hinausgehen und dadurch die Ertragskraft der Institute beschneiden. Wir haben in den vergangenen Jahren so viel erreicht in puncto Stabilität und Kapitalkraft. Der Bankensektor ist robust. Jetzt muss alles getan werden, dass er auch profitabel wird und damit wettbewerbs- und leistungsfähig bleibt. Nur so werden wir die gewaltigen Investitions- und Finanzierungsherausforderungen der Zukunft stemmen können.

Geldpolitik: Belastung durch Negativzinsen reduzieren

Und noch ein Thema ist von zentraler Bedeutung für die Wettbewerbsperspektive der europäischen Banken: Seit deutlich mehr als sieben Jahren gehören Null- und Negativzinsen zur geldpolitischen Realität im Euroraum. Mit der wirtschaftlichen Erholung nach der Corona-Krise und der Rückkehr von Inflationsraten von deutlich über 2 Prozent ist der Zeitpunkt gekommen, über eine Ausstiegsperspektive aus dem geldpolitischen Krisenmodus zu sprechen. Auch wenn die Teuerungsraten 2022 – Stand jetzt – wieder zurückgehen dürften, spricht vieles dafür, dass uns der erhöhte Inflationsdruck noch länger begleiten wird und die Inflationsrate in der Währungsunion mittelfristig wohl nicht mehr auf das Vor-Pandemie-Niveau von deutlich unter 2 Prozent zurückfällt. Auch die Geldpolitik sollte deswegen offen über Wege diskutieren, die aus dem gegenwärtigen Ausnahmezustand herausführen.

Insbesondere die Negativzinsen, die seit Mitte 2014 die europäischen Banken erheblich belasten, können und dürfen kein dauerhaftes Instrument der Geldpolitik sein. Sehr optimistisch sind wir hier allerdings nicht: Die EZB scheint sich mit ihrer überarbeiteten Strategie und der darauf aufbauenden Forward Guidance aktuell noch lange auf unveränderte Leitzinsen festzulegen.

Dennoch gibt es Möglichkeiten für die Zentralbank, bereits kurzfristig aktiv zu werden. Seit Beginn der Pandemie ist die Überschussliquidität, für die die Banken Negativzinsen an die EZB zahlen müssen, von 950 Milliarden Euro auf gut 3,4 Billionen Euro angestiegen — berücksichtigt ist dabei bereits der Freibetrag von derzeit rund 900 Milliarden Euro. Für den gesamten Euroraum und auf ein Jahr hochgerechnet belaufen sich die aktuellen Negativzinszahlungen der Banken im Euro-Raum damit auf mehr als 17 Milliarden Euro. Hier muss dringend gegengesteuert werden. Wir brauchen auch hier einen fairen Wettbewerb und ein echtes Level Playing Field, mit vergleichbaren Lösungen wie in anderen Ländern. 

Meine Damen und Herren, diese Maßnahmen wären aus Sicht der privaten Banken nicht nur elementar für einen leistungsfähigen Finanzsektor in Europa. Sondern auch die Voraussetzung für eine erfolgreiche Transformation unserer Wirtschaft insgesamt. Und damit auch dafür, dass Europa seinen Platz in der Welt verteidigen kann.

Nun freue ich mich auf unsere Diskussion zu diesen so wichtigen Themen und übergebe damit an Oliver Santen für die Fragerunde.

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