Gebäude und Corona

Trotz erheblicher Unsicherheiten kommt die deutsche Wirtschaft in Fahrt

23.02.2022

In den ersten Wochen des neuen Jahres haben die deutschlandweiten Corona-Infektionszahlen nahezu täglich neue Rekorde gebrochen und bis dato nicht gesehene Inzidenzen erreicht. Und doch hat die ansteckendere aber gleichzeitig milder verlaufende Omikron-Variante (bisher) nicht zu einer Überlastung des Gesundheitssystems geführt und sind weite Teile des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens – anders als im Frühjahr 2021 – durchgehend offengeblieben. Zwar ist nach aktueller Beschlusslage von Bund und Ländern erst zum kalendarischen Frühlingsbeginn mit weitreichenden Lockerungen zu rechnen, doch scheint der Höhepunkt der vierten Pandemiewelle überwunden zu sein. Die Sorgen der Unternehmen sind deswegen aber nicht verschwunden: Die geopolitischen Spannungen – insbesondere die Eskalation des Russland-Ukraine-Konflikts – sorgen für Volatilität an den Märkten, und auch die Inflationsentwicklung sowie anhaltende Lieferengpässe führen dazu, dass wohl kein vorzeitiges Frühlingserwachen zu erwarten ist.

Ausgebremster Jahresauftakt könnte schnell an Dynamik gewinnen

In den zurückliegenden Wintermonaten verharrte die deutsche Wirtschaft einmal mehr in einer Schockstarre, angetrieben durch einen massiven Anstieg der Energiepreise sowie anhaltende Störungen in den Lieferketten. In den kommenden Monaten kann aber von einer Aufwärtsentwicklung ausgegangen werden. Allerdings sind diese Prognosen nach der jüngsten Eskalation im Russland-Ukraine-Konflikt mit zusätzlichen Unsicherheiten behaftet. Mit dem gegenwärtig prognostizierten Wirtschaftswachstum von rund 3,5 % könnte das Bruttoinlandsprodukt zwar in diesem Jahr das Vor-Pandemieniveau erreichen bzw. übertreffen. Dem Aufbruch im Wege stehen könnte allerdings die aktuell bei 5 % rangierende Inflationsrate, die zu großen Teilen auf die massiven Preisanstiege von Gas, Strom, festen Brennstoffen und Heizöl zurückzuführen ist. 

Aufmerksamkeit richtet sich verstärkt auf Verhalten der EZB

Angesichts dieser Zahl steht verständlicherweise das Verhalten der Europäischen Zentralbank (EZB) im Mittelpunkt des Interesses und wird jede Äußerung des EZB-Direktoriums genauestens verfolgt. Anders als andere Notenbanken, wie die US-Notenbank oder die Bank of England, hat die EZB zur Stabilisierung der Preise bisher keine Änderung ihres geldpolitischen Kurses angekündigt, sondern lediglich das Ende des ohnehin befristeten Pandemie-Kaufprogramms beschlossen. Gleichwohl kann damit gerechnet werden, dass auch die EZB demnächst neue Weichenstellungen vornehmen wird.

Unternehmen schauen wieder optimistischer nach vorn…

Obgleich die Rahmenbedingungen insbesondere für die von den coronabedingten Einschränkungen besonders betroffenen Branchen nach wie schwierig sind, hellt sich die Lage der Unternehmen doch mehr und mehr auf. Dies lässt sich u.a. am Anstieg des Geschäftsklimas sowie an der Erwartungshaltung ablesen, dass sich die bremsenden Faktoren wie Lieferkettenengpässe im weiteren Jahresverlauf abflauen könnten. Gestützt wird diese Stimmung durch einen deutlichen Anstieg an Unternehmensgründungen (Anstieg um 3,5 % im Vergleich zu 2019) bei parallel anhaltend niedrigen Insolvenzen (Rückgang um 22,6 % im Vergleich zu 2019). Entsprechend zuversichtlich sind Unternehmen, dass die Ausrüstungsinvestitionen 2022 nach zwei rückläufigen Jahren wieder Fahrt aufnehmen werden. Durch die allgemeine Investitionszurückhaltung sind sie in den Jahren 2020/21 um knapp 11 % zurückgegangen – selbst ohne die notwendigen Investitionen in den nachhaltigen und digitalen Umbau der Wirtschaft erscheint dies zumindest ambitioniert.

…was auch am Anstieg der Kreditnachfrage ablesbar ist 

Noch ist es zu früh, um den Turnaround bei der Nachfrage und Vergabe von Unternehmenskrediten zu zelebrieren, zumal die zurückliegenden Corona-Quartale von einem ständigen Auf und Ab gekennzeichnet waren bzw. die ungewöhnlich hohe Nachfrage nach Liquidität zu Beginn der Pandemie das Gesamtvolumen verzerrt hat. Gleichwohl sprechen mehrere Faktoren für eine allmähliche Normalisierung: Erstens bestätigen aktuelle Zahlen der Bundesbank den deutlichen Anstieg des Kreditvolumens im 4. Quartal 2021. Besonders private Banken, darunter hervorzuheben Groß- und Auslandsbanken, konnten demnach signifikante Zuwächse verzeichnen. Zweitens wurden die Kreditbedingungen für Unternehmenskredite seitens der Banken weiter gelockert und bewerten ihrerseits auch Unternehmen die Zugangsbedingungen für Kredite als weiterhin gut. Die Erwartungshaltung ist, dass die Kreditbedingungen sogar noch weiter gelockert werden. Drittens ist die Anzahl der Unternehmen in Kreditverhandlungen im Vergleich zum Vorquartal deutlich angestiegen, insbesondere bei Großunternehmen. Viertens zeigt der Blick in die Eurozone, dass der steigende Bedarf nach Fremdfinanzierung ein europaweites Phänomen ist. Dieser erhöhte Finanzierungsbedarf lässt sich allerorts auf gestiegene Anlageinvestitionen sowie anstehende Fusionen, Übernahmen sowie eine Umstrukturierung der Schulden zurückführen.

Momentum darf nicht verstreichen: Handlungsrahmen der Banken nicht einschränken!

Damit die Banken ihrer zentralen Aufgabe, der Finanzierung der Wirtschaft mittels Kreditvergabe, nachkommen können, müssen zumindest die beeinflussbaren Rahmenbedingungen stimmen. Einschränkungen, wie die jüngst beschlossenen makroprudenziellen Maßnahmen (Heraufsetzung des antizyklischen Kapitalpuffers auf 0,75 % sowie zusätzliche Festsetzung eines Systemrisikopuffers für Wohnimmobilienfinanzierungen in Höhe von 2 %), können die Kreditvergabekapazität der Banken in einer entscheidenden Phase (Stichwort Transformationsfinanzierung) beeinträchtigen. Entsprechend sollte die Aktivierung dieser Maßnahmen auf einen Zeitpunkt verschoben werden, wenn bestehende Unsicherheitsfaktoren behoben sind.

Eine ausführliche Analyse zu diesen Punkten finden Sie im jüngsten Bericht des Bankenverbandes „Unternehmensfinanzierung AKTUELL“.

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Kontakt

Dietmar Schwarz

Bundesverband deutscher Banken e.V.

Associate Director

Tel. +49 30 1663 2260

dietmar.schwarz@bdb.de

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