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KI-Boom oder Compliance-Bremse?

Tobias Tenner
Tobias Tenner

Die Debatte über Künstliche Intelligenz (KI) in Europa wird oft als Wettlauf zwischen den USA, China und Europa dargestellt. Das greift zu kurz. Entscheidend ist nicht mehr, wer die ersten großen Sprachmodelle entwickelt hat, sondern wer KI erfolgreich in Wirtschaft, Finanzsektor und Gesellschaft einbindet – und dabei Kontrolle Infrastruktur und Wertschöpfungsketten wahrt. Genau hier steht Europa heute.

Europas Umsetzungsproblem 

Europa hinkt den USA und China hinterher. Das betrifft insbesondere Rechenkapazitäten, Cloud-Infrastrukturen, große Cloud-Anbieter (die so genannten Hyperscaler), Halbleiter und die Skalierung großer Foundation Models. In diesem Bereich bleibt Europas auf Anbieter außerhalb des Kontinents angewiesen. Politische Initiativen setzen daher auf AI Fabriken, Gigafabriken, Rechenzentren, Halbleiter, Cloud-Portabilität und die Stärkungeuropäischer technologischer Souveränität.

Es wäre jedoch falsch, Europa im KI-Zeitalter als Verlierer zu sehen. Der Kontinent hat nach wie vor große Stärken: eine leistungsfähige Industrie, eine robuste Finanzwirtschaft, erstklassige Forschung, hohe Vertrauensstandards und die Fähigkeit, globale Regeln und Standards entscheidend mitzugestalten. Die Herausforderung besteht darin, diese Stärken in digitale Wertschöpfung umzuwandeln. Europa scheitert weniger an fehlendem Wissen als daran, Innovationen wirtschaftlichen nicht ausreichend zu skalieren.

Dabei entsteht ein bemerkenswertes Paradox: Europas traditionelle Stärke könnte seine größte Schwäche werden. Jahrzehntelang galten Wohlstand, industrielle Spitzenleistung und technologische Führerschaft als selbstverständlich. Doch Wohlstand bringt nicht nur Stabilität, sondern oft auch Trägheit. Wer erfolgreich ist, spürt weniger Veränderungsdruck als jene, die erst aufholen müssen. Während die USA und China mit hohem Tempo in KI-Infrastrukturen, Rechenzentren und digitale Plattformen investieren, diskutiert Europa häufig erst über Rahmenbedingungen, Zuständigkeiten und Risiken.

Der Wettlauf entscheidet sich bei der Wertschöpfung

Die eigentliche Gefahr besteht deshalb nicht im fehlenden KI-Know-how. Sie liegt darin, dass Europa die Kontrolle über die wirtschaftliche Wertschöpfung verlieren könnte. Schon heute dominieren Cloud- und KI-Plattformen aus anderen Weltregionen. Europa riskiert, die Technologien zwar mitzuentwickeln, künftig aber vor allem Nutzer fremder Infrastrukturen zu sein. Auf dem Spiel stehen nicht nur Marktanteile, sondern auch technologische Handlungsfähigkeit und strategische Souveränität.

Compliance wird zur Innovationsbremse 

Ein zweites Spannungsfeld: das Verhältnis von Regulierung und Innovation. Der AI Act verfolgt ein legitimes Ziel – Vertrauen, Sicherheit und Transparenz beim Einsatz von KI zu fördern. In der Finanzwirtschaft trifft er jedoch auf einen Sektor, der bereits heute vielen regulatorischen Anforderungen unterliegt. Deshalb hat der Bankenverband intensiv über den Zielkonflikt zwischen Bankenaufsicht und KI-Regulierung debattiert. Besonders deutlich wird dies in der Diskussion um die Einstufung klassischer statistischer Verfahren wie der logistischen Regression. Viele Institute warnen, dass unklare oder überzogene Definitionen Innovationen ausbremsen können.

Das eigentliche Problem liegt weniger in der Regulierung selbst als in der Kultur der Übervorsicht, die sie mitunter auslöst. Wenn Compliance- und Rechtsabteilungen sowie Aufsichtsanforderungen zusammenwirken, entsteht in vielen Organisationen ein Reflex des Zögerns: lieber noch prüfen, lieber noch analysieren, lieber kein Risiko eingehen. So entsteht eine „Compliance-Bremse“, die Innovation nicht verbietet, aber faktisch verzögert. Die Ironie dabei: Gerade Banken könnten enorm von KI profitieren – etwa bei Kreditprozessen, Risikosteuerung, Kundenservice, Wissensmanagement oder ESG-Berichterstattung.

Die entscheidende Frage ist: Schadet uns heute mehr die Risikobereitschaft oder die Übervorsicht? Vieles deutet darauf hin, dass die Opportunitätskosten des Nichtstuns inzwischen die Risiken eines verantwortungsvoll gesteuerten KI-Einsatzes übersteigen. Risiko zu meiden, ist nicht risikolos. Wer aus Angst vor Fehlern auf Innovationen verzichtet, gefährdet Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und technologische Anschlussfähigkeit. Europas größte Gefahr könnte weniger im falschen Einsatz von KI liegen als darin, sie gar nicht oder zu spät zu nutzen.

Vertrauen entsteht durch Kompetenz

Aus diesem Spannungsfeld ergibt sich eine weitere zentrale Frage: Wenn wir mehr Innovation fördern und weniger detailliert regulieren wollen, worauf gründet sich dann das notwendige Vertrauen? Die Antwort könnte in Bildung und Wissen liegen. Je besser Menschen verstehen, wie KI funktioniert, desto weniger müssen wir versuchen, jede denkbare Situation vorab zu regeln. Wissen schafft Vertrauen. Ver-trauen verringert den Ruf nach immer neuen Detailvorschriften. Europas wichtigste Zukunftsinvestition könnte daher weniger in zusätzlicher Regulierung liegen, sondern darin, Menschen zu befähigen, KI kompetent zu nutzen und kritisch zu hinterfragen.

Dabei darf Eigenverantwortung nicht mit Selbstüberlassung verwechselt werden. Die kritische Frage bleibt: Wer schützt jene, die technologisch nicht mithalten können? Wer übernimmt Verantwortung für Menschen, die die Funktionsweise von KI nicht verstehen oder ihre Risiken falsch einschätzen? Die Antwort liegt nicht in einem Entweder-oder zwischen Staat und Individuum. Verantwortung wird künftig auf mehreren Schultern ruhen müssen – bei Bürgern, Unternehmen, Bildungseinrichtungen und staatlichen Institutionen.

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Leiter Digital Finance

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