Demografie wird zum Bremsklotz für Deutschlands Wachstum
Beitrag für den Newsletter Finanzbildung mit Wissen rund um Wirtschafts- und Geldthemen
Deutschlands Arbeitsmarkt steht vor einer Zeitenwende: Nach Jahren steigender Erwerbstätigkeit beginnt die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte nun zu sinken. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wird das Arbeitskräftepotenzial bereits 2026 um rund 41.000 Personen auf 48,6 Millionen schrumpfen. Damit zeichnet sich eine Entwicklung ab, die die deutsche Wirtschaft langfristig ebenso herausfordern dürfte wie die derzeitigen Probleme des Industriestandorts.
Welche wirtschaftlichen Folgen daraus entstehen können, zeigt eine Analyse der Unternehmensberatung McKinsey. Ihr zufolge könnte der Rückgang des Arbeitskräfteangebots das Wachstum in Deutschland Jahr für Jahr um durchschnittlich 0,7 Prozentpunkte verringern. Ohne Impulse, die dem etwas entgegensetzen könnten, würde das reale Bruttoinlandsprodukt von 4.470 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 4.316 Milliarden Euro im Jahr 2030 zurückgehen.
Der Blick in die Vergangenheit macht deutlich, wie wichtig die Entwicklung des Arbeitsmarkts für die Wirtschaftskraft ist. Zwischen 2005 und 2025 stieg das gesamte Arbeitsvolumen um neun Prozent: Zumindest bis zum Corona-Jahr 2020 waren dies Jahre des steigenden Wirtschaftswachstums. Maßgeblich für das gestiegene Volumen an geleisteter Arbeit war die deutlich höhere Zahl der Erwerbstätigen, die sogar um 17 Prozent zunahm. Gleichzeitig verringerte sich die durchschnittliche Arbeitszeit pro Beschäftigtem um sieben Prozent. Dies hatte unter anderem damit zu tun, dass die Erwerbsquote unter den Frauen deutlich gestiegen ist, viele von ihnen aber in Teilzeit arbeiten. Grundlage dieser Zahlen ist die Arbeitszeitrechnung des IAB.
Nun kehrt sich die demografische Dynamik um. Besonders sichtbar wird dies beim Vergleich der Altersgruppen: Während heute rund 6,6 Millionen Menschen zwischen 60 und 64 Jahre alt sind und in den kommenden Jahren in den Ruhestand wechseln, umfasst die Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen lediglich knapp 4 Millionen Personen. Allein dieser Unterschied von 2,6 Millionen Menschen verdeutlicht die Größenordnung der bevorstehenden Lücke auf dem Arbeitsmarkt.
Zwar verfügt Deutschland weiterhin über Arbeitsmarktreserven, darunter mehr als 3 Millionen Arbeitslose. Doch freie Stellen und verfügbare Arbeitskräfte passen häufig nicht zusammen. Fehlende Qualifikationen oder regionale Unterschiede erschweren die Besetzung offener Positionen. Werden Fachkräfte knapp, können Unternehmen auf neue Marktchancen oft nicht schnell genug reagieren, was wiederum Investitionen und Wachstum dämpft.
Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am IAB, warnt deshalb vor einer verbreiteten Fehleinschätzung. Häufig werde angenommen, dass ein geringeres Arbeitskräfteangebot automatisch zu höheren Löhnen und sinkender Arbeitslosigkeit führe. Historische Erfahrungen sprächen jedoch dagegen. Untersuchungen für zahlreiche Länder seit dem 19. Jahrhundert zeigten vielmehr, dass bei schrumpfender Bevölkerung Investitionen und Beschäftigung rasch zurückgehen.
Dennoch muss der demografische Wandel nicht zwangsläufig in wirtschaftliche Stagnation münden, wie McKinsey anmerkt. Entscheidend sei, die Produktivität deutlich zu steigern und das vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser auszuschöpfen. Hier werden für Deutschland erhebliche Chancen gesehen. Aufgrund seines hohen Industrieanteils verfüge das Land über das größte KI-basierte Produktivitätspotenzial Europas. Durch den breiten Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung könnten bis 2030 zusätzliche Wirtschaftsleistungen im Umfang von 265 Milliarden Euro entstehen. Das entspräche einem zusätzlichen jährlichen Wachstum von etwas mehr als einem Prozent.
Weitere Potenziale sieht die Analyse in politischen Reformen. Der Abbau von Bürokratie und Berichtspflichten sowie eine Entlastung bei den Lohnnebenkosten könnten die Wirtschaftsleistung bis 2030 um weitere 75 Milliarden Euro erhöhen. Ähnliche Größenordnungen seien durch eine höhere Flexibilität am Arbeitsmarkt erreichbar. Fachkräfte sollten schneller in wachsende Branchen und neue Tätigkeiten wechseln können, statt über längere Zeit in schrumpfenden Bereichen gebunden zu bleiben.
Auch auf der Angebotsseite des Arbeitsmarkts bestehen noch Reserven. So könnte eine höhere Erwerbsbeteiligung zusätzliche Wachstumsimpulse liefern. Zwar liegt Deutschland bereits auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Würden jedoch so viele Frauen erwerbstätig sein, wie in den Niederlanden, und ältere Menschen ähnlich häufig arbeiten wie in Schweden, könnte dies bis 2030 einen zusätzlichen wirtschaftlichen Effekt von 192 Milliarden Euro entfalten. Eine längere Arbeitszeit wäre ebenfalls ein mögliches Instrument: Schon eine durchschnittliche zusätzliche Arbeitsstunde pro Woche würde das Bruttoinlandsprodukt nach den Berechnungen von McKinsey bis 2030 um bis zu 150 Milliarden Euro steigern.
Im günstigsten Szenario könnten die verschiedenen Maßnahmen die demografischen Belastungen nicht nur ausgleichen, sondern deutlich übertreffen. Dann würde die Wirtschaftsleistung bis 2030 real auf 5.087 Milliarden Euro steigen, was einem durchschnittlichen Wachstum von 2,6 Prozent pro Jahr entspräche. Voraussetzung dafür ist allerdings ein umfassender Ansatz.