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Finanzbildung an Schulen: Engagement stößt auf strukturelle Defizite

Christian Jung
Christian Jung

„Das ist ein Überlebenswerkzeug“ – so beschreibt eine Lehrkraft den Stellenwert der Wirtschafts- und Finanzbildung. Diese Einschätzung teilen viele der Lehrerinnen und Lehrer, die im Rahmen der qualitativen Erhebung des Bankenverbandes ihre Einstellungen und Wünsche zu ihrer täglichen Arbeit eingebracht haben. Für sie geht es beim Thema Finanzbildung um mehr als Unterrichtsstoff: Sie wollen junge Menschen auf ein Leben vorbereiten, das von Geldentscheidungen, wirtschaftlichen Zusammenhängen und finanzieller Eigenverantwortung geprägt ist. „Es ist enorm wichtig für ein gelingendes Leben, dass man mit Geld umzugehen weiß“, betont etwa eine Gymnasiallehrerin.

Hohe Motivation, wenig Rückhalt und Zeit

Die Befragung zeigt damit: Lehrkräfte, die Wirtschafts- und Finanzthemen unterrichten, sind hoch motiviert und von ihrem Unterrichtsgegenstand überzeugt. Gleichzeitig arbeiten sie häufig unter schwierigen Bedingungen. Zwar existieren Lehrpläne, doch viele empfinden sie als wenig aktuell und sehr allgemein. Das verschafft auf der einen Seite Freiräume, zwingt Lehrkräfte auf der anderen Seite aber auch dazu, Inhalte permanent selbst zu recherchieren, aufzubereiten und an aktuelle Entwicklungen anzupassen. Gerade weil es flächendeckend kein eigenständiges Fach gibt, sondern Finanz- und Wirtschaftsthemen meist in Fächern wie Politik, Sozialkunde, Geografie oder Mathematik integriert werden, liegt die inhaltliche Verantwortung stark bei den einzelnen Lehrkräften. Das empfinden viele zwar als reizvoll, gleichzeitig aber auch als belastend. Eine Lehrkraft beschreibt dieses Spannungsfeld so: Die offene Gestaltung sei grundsätzlich positiv, führe aber auch zu Unsicherheiten, weil man sich „nicht spezifisch vorbereitet“ fühlt.

Hinzu kommt ein strukturelles Kernproblem: Zeitmangel. Lehrkräfte beklagen, dass im Lehrplan zu wenig Unterrichtsstunden für Wirtschafts- und Finanzthemen vorgesehen sind – und noch weniger Zeit für Vorbereitung, Fortbildung oder die Entwicklung neuer Unterrichtskonzepte bleibt. Diese Knappheit betrifft nicht nur den Unterricht selbst, sondern auch alle zusätzlichen Ideen, die den Unterricht lebendiger machen könnten: Exkursionen, Wettbewerbe, externe Gäste oder Projekte lassen sich oft nur schwer in den Schulalltag integrieren.

Defizite in Ausbildung und Fortbildung

Auffällig ist, wie häufig Lehrkräfte berichten, dass Wirtschafts- und Finanzbildung in ihrer eigenen Ausbildung kaum eine Rolle gespielt hat. Strategien, wie man Schülerinnen und Schüler – insbesondere jüngere – für vermeintlich abstrakte Finanzthemen begeistert, wurden selten vermittelt. Ein Gymnasiallehrer schildert offen: „Ich habe in meiner Ausbildung kaum etwas darüber erfahren, wie man mit dem Desinteresse von Lernenden umgeht.“

Auch Fortbildungsangebote werden als unzureichend wahrgenommen. Mehrere Lehrkräfte berichten, dass sie in den letzten Jahren kaum Angebote von Landesinstituten oder Schulbehörden gesehen hätten – und wenn, dann müssten sie diese selbst organisieren und finanzieren. Das verstärkt das Gefühl, mit einer gesellschaftlich wichtigen Aufgabe allein gelassen zu werden.

Motivation der Lernenden – eine didaktische Herausforderung

Wie stark sich Schülerinnen und Schüler für Finanzthemen begeistern, hängt auch deutlich vom Alter ab. Während jüngere Jugendliche (12–16 Jahre) häufig wenig Interesse zeigen, wächst dieses ab etwa 16 oder 17 Jahren deutlich – etwa mit dem ersten Konto, Nebenjob oder Praktikum. Eine Lehrerin erzählt: „Meine Schüler kommen aus dem Praktikum zurück und fragen: Warum lernen wir in der Schule nicht so was wie Steuern?“

Um das Interesse ihrer Schülerinnen und Schüler zu wecken, legen viele Lehrkräfte Wert auf praxisnahe und lebensweltbezogene Aufgaben: Haushaltsplanung, Verträge, Sparpläne oder Planspiele. Diese Lebensnähe, so eine Lehrkraft, sei wichtig, weil sie den Schülerinnen und Schülern zeige, „dass sie hier nicht für den Lehrer oder für eine Note lernen, sondern für sich, weil sie das im späteren Leben brauchen.“

Unterrichtsmaterialien: Improvisation als Normalzustand

Spezifische Schulbücher für Finanzbildung gibt es kaum. Wo sie existieren, sind sie meist schnell veraltet. Deshalb greifen Lehrkräfte zunehmend auf digitale Quellen zurück: YouTube, Erklärvideos, Websites – zunehmend auch KI Tools wie ChatGPT. Auch wenn sich viele Lehrkräfte der problematischen Aspekte von KI bewusst sind, kommen sie gar nicht mehr um deren Verwendung herum. „Ich nutze ChatGPT für die Vorbereitung, und die Schüler nutzen es auch – da muss man mitge-hen“, sagt ein Lehrer.

Gleichzeitig wird deutlich, dass speziell auf Finanzbildung zugeschnittene digitale Angebote kaum vorhanden oder vielen Lehrkräften nicht bekannt sind. Interaktive Lernspiele, Quiz Formate oder digitale Planspiele werden zwar als motivierend eingeschätzt, können aber mangels Zeit, Bekanntheit oder geeigneter Zugänge selten konsequent im Unterricht eingesetzt werden.

Wie lässt sich Wirtschafts- und Finanzbildung verbessern?

Aus den Aussagen der Lehrkräfte lassen sich klare Ansatzpunkte für Verbesserungen ableiten:

Erstens, wünschen sich Lehrkräfte verlässliche, gut aufbereitete und aktuelle Unterrichtsmaterialien, die sie entlasten und Orientierung bieten – idealerweise gebündelt auf leicht zugänglichen Platt-formen. Materialien sollten lebensnah, altersgerecht und flexibel einsetzbar sein, ergänzt durch digitale Elemente, Videos, Spiele oder interaktive Aufgaben.

Zweitens, wird der Bedarf an gezielten Fortbildungsangeboten deutlich – insbesondere zu didaktischen Fragen: Wie motiviere ich unterschiedliche Altersgruppen? Wie gehe ich mit KI, Influencern oder Finanz Content in sozialen Medien um? Hier sehen viele Lehrkräfte großen Nachholbedarf.

Drittens, betonen die Lehrkräfte den Wert praxisorientierter Projekte. Wettbewerbe, Planspiele, Projektwochen oder AGs könnten Finanzthemen vertiefen und nachhaltig verankern – wenn sie organisatorisch unterstützt werden und nicht noch zur ohnehin hohen Arbeitslast hinzukommen.

Der Beitrag externer Initiativen: sinnvoll – wenn er passt

Externe, private Initiativen können aus Sicht der Lehrkräfte einen wichtigen Beitrag leisten. Voraussetzung ist, dass deren Angebote lebensnah, neutral und schulkompatibel sind. Besonders geschätzt werden externe Gäste, die die Sprache der Jugendlichen sprechen. „Es ist gar nicht so wichtig, ob es ein Bankkaufmann ist – entscheidend ist auch hier der Lebensweltbezug“, sagt ein Lehrer. Nicht der formale Hintergrund steht also im Vordergrund, sondern Authentizität. Start up Gründer, junge Selbstständige oder Berufseinsteiger werden häufig als besonders geeignet beschrieben.

Auch bei Materialien sehen Lehrkräfte großes Potenzial externer Initiativen: Gut gemachte Arbeitsblätter, digitale Tools, Planspiele oder Projektdatenbanken können – wenn sie qualitätsgesichert, kostenfrei und einfach einsetzbar sind – Lehrkräfte erheblich entlasten.

Fazit

Die Befragung zeigt: Lehrkräfte, die Wirtschafts- und Finanzbildung unterrichten, sind hochmotiviert und von der Bedeutung ihres Fachs überzeugt. Gleichzeitig arbeiten sie in einem Umfeld, das stark von Improvisation, Eigeninitiative und Zeitmangel geprägt ist. Sie füllen strukturelle Lücken mit persönlichem Engagement – stoßen dabei aber immer wieder an strukturelle Grenzen. Wer die finanzielle Bildung an Schulen stärken will, muss genau hier ansetzen: bei besseren Rahmenbedingungen, passgenauer Unterstützung – und einem verantwortungsvollen Zusammenspiel von Schule, Politik und externen Akteuren.

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