Artikel

Zwischen Märkten und Mächten: Außenwirtschaft strategisch denken

Profilbild Sandy Sturm
Sandy Sturm

Die globale Wirtschaftsordnung befindet sich in einer kritischen Phase: Handel, Investitionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit werden verstärkt durch geopolitische Rivalitäten und einer wachsenden Fragmentierung der Weltmärkte bestimmt. Unternehmerische Entscheidungen folgen längst nicht mehr nur marktwirtschaftlichen Logiken, sondern geraten heute stärker in den Sog nationalstaatlicher Interessen. Für Deutschland, stark vernetzt und exportorientiert, erhöht dies die Anfälligkeit. Dies wird aktuell durch den Irankrieg und seine Auswirkungen auf die globale Öl- und Gasversorgung besorgniserregend deutlich. Ohne entschlossenes Gegensteuern drohen nicht nur Wettbewerbsverluste, sondern auch langfristige Risiken für wirtschaftliche Stabilität und Sicherheit. Deutschland muss seine Außenwirtschaftspolitik daher jetzt strategisch neu ausrichten und konsequent an geopolitischen Realitäten ausrichten.

Wirtschaft im globalen Spannungsfeld

Deutschland hat über Jahrzehnte von offenen Märkten und verlässlichen Regeln profitiert. Doch diese Grundlage gerät seit geraumer Zeit stark unter Druck. Bereits die COVID-19-Pandemie und Russlands Angriffskrieg haben die Verwundbarkeit internationaler Lieferketten und einseitiger Abhängigkeiten aufgezeigt. Solche Schocks sind leider keine Ausnahmen mehr. Die jüngsten Entwicklungen im Mittleren Osten verdeutlichen einmal mehr, dass geopolitische Spannungen gravierende Folgen für Handel, Energieversorgung und strategische Ressourcen haben können, insbesondere wenn sie zu einer militärischen Auseinandersetzung eskalieren. Gleichzeitig nutzen große Wirtschaftsmächte wie die USA und China Zölle, Exportkontrollen oder Subventionen verstärkt dazu, wirtschaftliche und/oder politische Ziele durchzusetzen. Der Wettlauf um knappe Rohstoffe, technologische Vormachtstellung und Einflusszonen läuft auf Hochtouren.

Vor diesem Hintergrund ist eine isolierte Außenwirtschaftspolitik ein Auslaufmodell. Deutschlands historisch exportgetriebenes Wachstumsmodell ist untrennbar mit globalen Marktstrukturen verwoben, die zunehmend unter Beschuss geraten. Strenge Grenzen zwischen Wirtschafts-, Entwicklungs- und Sicherheitspolitik sind daher nicht länger zeitgemäß. Der neugeschaffene Nationale Sicherheitsrat kann ein zentraler Hebel für die Integration sicherheitsrelevanter Politikfelder sein – vorausgesetzt, er etabliert sich innerhalb bestehender Kompetenzverteilungen als ressortübergreifender Koordinator mit Steuerungsbefugnissen in kritischen Bereichen wie Versorgungssicherheit, strategische Rohstoffe und die Reduzierung von Abhängigkeiten. Inmitten der gegenwärtigen Turbulenzen braucht es klare Zuständigkeiten, effiziente Entscheidungsprozesse jenseits von Ressortstreitigkeiten und den politischen Willen zur strategischen Prioritätensetzung. Reine Abstimmungsgremien reichen nicht aus. 

Die geplante Strategie der Bundesregierung zur wirtschaftlichen Sicherheit sollte rasch aufzeigen, wohin Deutschland mit seiner Außenwirtschaft steuert. Sie sollte nicht nur Handlungsempfehlungen für kritische Wirtschaftssektoren liefern, sondern auch benennen wie im Verbund mit strategischen Partnern Handelsschutzinstrumente gezielt für die Risikominimierung eingesetzt werden können. Entscheidend ist dabei, dass die Strategie nicht bei allgemeinen Leitlinien stehen bleibt, sondern in konkrete, umsetzbare Maßnahmen übersetzt wird, die verschiedenste Szenarien einbezieht. Besonders wichtig: Der private Sektor darf hierbei kein nachgelagerter Partner sein. Unternehmen sind zentrale Träger wirtschaftlicher Sicherheit und müssen frühzeitig, strukturiert und vertrauensvoll eingebunden werden. Nur so lässt sich sicherstellen, dass Transformation, Wachstum und Diversifizierung nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern sich gegenseitig stärken.

Kooperation auf Augenhöhe für gemeinsame Chancen

Die zunehmende Fragmentierung des Welthandels erfordert neue Partnerschaften. Regionen wie Südostasien, Südamerika oder der afrikanische Kontinent bieten durch aufstrebende Wirtschaftszentren und technologische Innovation enorme Chancen als Absatzmärkte und Rohstoffpartner. Handelsabkommen wie jene mit Australien, Indien oder den Mercosur-Staaten sind mehr als reine Marktöffnungen: Sie senden ein politisches Signal, dass Europa weiterhin für Kooperation, Verlässlichkeit und regelbasierten Handel steht. Gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit sollten Deutschland und die EU gezielt mit jenen Ländern zusammenarbeiten, die diese Prinzipien teilen. 

Entwicklungs- und vor allem Schwellenländer gewinnen an Selbstbewusstsein und politischem Gewicht. Das äußert sich in einer klareren Interessenformulierung, einem entschlosseneren Auftreten und dem verstärkten Anspruch, ihre Entwicklungsmodelle eigenständig zu definieren. Daraus erwächst die Notwendigkeit, wirtschaftliche Zusammenarbeit so zu gestalten, dass die neuen – ggf. abweichenden – Prioritäten und Erwartungen dieser Partner ausdrücklich einbezogen werden. Gemeinsame Standards und Projektansätze sollten daher kooperativ entwickelt werden, damit sie sowohl ambitioniert als auch realistisch bleiben. 

Gleichzeitig braucht es Formen der Zusammenarbeit, die den legitimen wirtschaftlichen Interessen Deutschlands gerecht werden. Eine engere Verzahnung von Entwicklungszusammenarbeit und Außenwirtschaftsförderung kann hierzu beitragen, indem sie die nachhaltige Entwicklung in Schwellen- und Entwicklungsländern fördert und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportwirtschaft stärkt. Andere Akteure – etwa die USA, aber auch EU-Partner – verfolgen diesen Ansatz schon länger konsequent, indem sie ihre Förderinstrumente strategisch bündeln, um ihren Unternehmen gezielt Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Demgegenüber mangelt es in der deutschen Förderpraxis vielfach an einer systematischen Integration: Blended-Finance-Ansätze oder die Kombination von Entwicklungsgeldern mit Exportkreditgarantien fehlen, obwohl sie entscheidend wären, um deutsche Unter-nehmen in schwierigen Märkten zu unterstützen und strategisch relevante Projekte umzusetzen. 

Absicherung und Finanzierung im strategischen Zusammenspiel

In diesem Gefüge spielen Banken eine zentrale Rolle. Sie sind nicht nur Kapitalgeber, sondern fungieren als Bindeglied zwischen politischem Anspruch und wirtschaftlicher Realität. Indem sie Unternehmen bei notwendigen Diversifizierungsstrategien unterstützen und den Eintritt in neue Märkte ermöglichen, tragen sie wesentlich zur Anpassungsfähigkeit und Resilienz unserer Wirtschaft bei. Diese Rolle können Banken jedoch nicht isoliert wahrnehmen: Gerade bei Hochrisikoprojekten in unsicheren Märkten sind funktionierende staatliche Absicherungsinstrumente eine Voraussetzung dafür, dass Finanzierungen überhaupt zustande kommen. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Außenwirtschaftsförderung für Banken stark an Bedeutung.

Deutschland verfügt mit den Euler-Hermes-Deckungen über einen gut ausgebauten Instrumentenkasten. Entscheidend ist jedoch, dass diese zugleich strategisch und flexibel eingesetzt werden können. Mit dem Maßnahmenpaket für Exportkreditgarantien hat die Bundesregierung 2025 einen wichtigen Schritt unternommen, um die Hermes-Deckungen an geopolitische Veränderungen anzupassen und bürokratische Hürden abzubauen. Ob diese Anpassungen den gestiegenen Anforderungen bereits gerecht werden, ist noch nicht abschließend zu beurteilen. Klar ist: In einem Umfeld, in dem auch gleichgesinnte Staaten ihre Exportkreditagenturen gezielt zur Sicherung nationaler Interessen jenseits der klassischen Exportförderung weiterentwickeln, darf Deutschland nicht zurückfallen. Dies erfordert einen Perspektivwechsel: Exportkreditgarantien müssen künftig über eine rein reaktive, nachfragegetriebene Vergabe hinausgehen und proaktiv in eine strategisch ausgerichtete Außenwirtschaftspolitik eingebettet werden – mit einer klaren Ausrichtung auf Partner und Projekte, die zur Diversifizierung von Lieferketten, zur Sicherung kritischer Ressourcen und zur Stärkung der wirtschaftlichen Resilienz Deutschlands beitragen. 

Durch Rohstoffsicherung zu Resilienz

Strategische Souveränität setzt eine verlässliche Versorgung mit Energie und kritischen Rohstoffen voraus. Nach-dem Deutschland über Jahre stark auf fossile Energien aus Russland angewiesen war, setzen derzeit insbesondere chinesische Exportbeschränkungen die industrielle Basis unter Druck und verdeutlichen die fortbestehende Importabhängigkeit. Unternehmen tragen dadurch eine wachsende Verantwortung: Sie müssen vorsorgen, Lieferketten diversifizieren und Risiken aktiv managen. Wer langfristig resilient bleiben will, braucht jedoch nicht nur strategische Rohstoffplanung, sondern auch passende Finanzierungsinstrumente. Banken können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten – von der Lagerfinanzierung bis zur Handelsabsicherung. Zugleich liegt eine stabile Rohstoffversorgung im gesamtwirtschaftlichen Interesse, weshalb die Politik einen Rahmen schaffen muss, in dem Politik, Unternehmen und Banken effektiv zusammenarbeiten können.

Ein Schritt in die richtige Richtung war 2024 die Einrichtung eines Deutschen Rohstofffonds unter dem Dach der KfW. Mit einem Gesamtvolumen von bis zu einer Milliarde Euro erlaubt es der Fonds, Projekte der Rohstoffgewinnung, -verarbeitung und des Recyclings durch staatliche Beteiligungen oder Garantien zu unterstützen. Gerade in frühen Projektphasen und risikobehafteten Märkten, in denen private Investitionen häufig ausbleiben oder nicht ausreichen, kann der Fonds erhebliche Hebelwirkungen entfalten. Dass er gezielt Rohstoffabbau „Made in Germany“ stärken kann, zeigt das Lithium-Projekt im Oberrheingraben, in das bis zu 150 Millionen Euro investiert werden. Jetzt gilt es, den Fonds konsequent zu nutzen: Er muss zügig, mit unbürokratischen Strukturen und entlang einer klaren Prioritätenliste auf strategisch relevante Projekte im In- und Ausland ausgerichtet werden. 

Darüber hinaus liegt erhebliches Potenzial in den bewährten UFK-Garantien, die durch gezielte Anpassungen deutlich an Wirkungskraft gewinnen und damit mehr Rohstofflieferungen nach Deutschland ermöglichen könnten. Aus Sicht des Bankenverbandes sind dabei insbesondere drei Punkte vordringlich:

  • Erstens sollte die 4:1‑Regel reformiert werden, da die derzeitige Absicherungsgrenze auf ein Viertel des kumulierten Lieferwerts Rohstofffinanzierungen erheblich einschränkt.
  • Zweitens braucht es mehr Flexibilität bei den Vertragslaufzeiten, damit auch kürzere oder revolvierende Lieferverträge, wie sie in vielen Rohstoffmärkten üblich sind, absicherungsfähig werden.
  • Drittens sollten UFK‑Garantien für inländische Rohstoffprojekte geöffnet werden, die für die Versorgungssicherheit ebenso systemrelevant sind wie Auslandsprojekte.

Diese Anpassungen sollten nun zügig umgesetzt werden, damit die UFK-Garantien effektiv und unbürokratisch zum Einsatz kommen können.

Bereits im Dezember 2025 hatten wir bei unserer Veranstaltung „bankendialog“ mit Vertretern aus Politik, Banken und Wirtschaft darüber diskutiert, wie eine strategische Außen- und Handelspolitik Deutschlands aussehen sollte. Nun ist es höchste Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen.

Profilbild Sandy Sturm

Kontakt

Sandy Sturm

Unternehmensfinanzierung

Das könnte Sie auch interessieren:

Schweißarbeiten
Artikel

Unternehmensfinanzierung aktuell - Februar 2026

Die neuen Zollwirrungen der US-Regierung stellen ein Rückschlagpotenzial dar. Unternehmen müssen zunehmend unter volatilen geopolitischen Rahmenbedingungen handlungsfähig und resilient bleiben.

fokus unternehmen Energieeffizienz finanzieren
Artikel

fokus|unternehmen: Energieeffizienz finanzieren

Energieeffizienz ist eine zentrale Voraussetzung für das Gelingen der Energiewende und hat strategische Bedeutung für Unternehmen. In Deutschland steigt der Energiebedarf durch Digitalisierung und Elektrifizierung. Deshalb ist ein sparsamer und intelligenter Energieeinsatz unerlässlich.