Artikel

Doppelt im Nachteil

Christian Jung
Christian Jung
Frau prüft Zuhause ihre Kontoauszüge

Frauen liegen finanziell zurück – und fehlendes Finanzwissen verschärft das Problem

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Frauen sind in Deutschland finanziell schlechter gestellt als Männer. Nicht ein bisschen, nicht nur gefühlt, sondern messbar und mit handfesten Folgen – für das tägliche Auskommen ebenso wie für die langfristige Absicherung. Die Ergebnisse unserer Female Finance-Studie 2026 führen das erneut deutlich vor Augen. Und sie weisen neben dieser Benachteiligung auf einen zweiten, weniger sichtbaren, aber nicht minder wirksamen Faktor hin: einen Gender Gap beim Finanzwissen, der es Frauen zusätzlich erschwert, den finanziellen Nachteil auszugleichen.

Weniger Geld, weniger Spielraum, weniger Vorsorge

Zunächst zur finanziellen Ausgangslage: Frauen schätzen ihre eigene wirtschaftliche Situation schlechter ein als Männer. Das ist keineswegs allein Ausdruck übertriebener Selbstkritik, sondern spiegelt reale Unterschiede wider. Zwar hat sich die Bewertung zur finanziellen Lage seit 2024 bei beiden Geschlechtern leicht verschlechtert, doch die Kluft bleibt bestehen. Besonders deutlich wird sie beim Blick in die Zukunft: Während fast zwei Drittel der Männer ihre finanzielle Situation im Alter als gut oder sehr gut einschätzen, gilt das nur für etwas mehr als die Hälfte der Frauen.

Alterssicherung ist damit kein abstraktes Thema, sondern für viele Frauen eine konkrete Sorge. Die Gründe dafür sind lange bekannt: Frauen haben häufiger niedrigere Einkommen und arbeiten öfter in Teilzeit. Beides schlägt sich direkt in Rentenansprüchen nieder – und natürlich auch in den Bedingungen im Hier und Jetzt. So haben Frauen monatlich im Durchschnitt rund 300 Euro weniger frei verfügbares Einkommen als Männer. 300 Euro – das ist kann der entscheidende Unterschied sein zwischen „Ich kann etwas zurücklegen“ und „Es reicht gerade mal eben“.

Und so überrascht es nicht, dass die ungleiche Ausgangslage Wirkung beim Spar- und Anlageverhalten zeigt und Männer häufiger als Frauen in der Lage sind, regelmäßig zu sparen. Zwar ist auch der Anteil der Frauen, die regelmäßig Geld zurücklegen, in den letzten Jahren gestiegen, doch bleibt ein beachtlicher Unterschied in der Höhe der Sparbeträge bestehen. Während unter den Befragten, die überhaupt sparen, rund die Hälfte der Männer monatlich mehr als 200 Euro auf die hohe Kante legen, erreicht nur etwa ein Drittel der Frauen diese Marke.

Der finanzielle Spielraum fehlt bei Frauen auch noch aus einem anderen Grund: In vielen Beziehungen leisten sie weiterhin den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit im Haushalt oder bei der Kinderbetreuung. Diese Arbeit ist gesellschaftlich unverzichtbar, ökonomisch jedoch kaum anerkannt. Sie kostet Zeit, Energie und oft auch Karrierechancen. Die finanziellen Folgen zeigen sich häufig erst Jahrzehnte später – in Form niedriger Renten und geringerer Vermögen.

Finanzwissen – der unsichtbare Hebel

Ein ähnliches Bild wie beim Sparen zeigt sich beim Investieren. Der Anteil der Frauen mit Wertpapierbesitz ist zwar gewachsen, liegt aber weiterhin deutlich unter dem der Männer. Fast jede zweite männliche Person investiert in Wertpapiere, bei Frauen ist es nicht einmal jede dritte. Aufschlussreich sind dabei die genannten Gründe für die Zurückhaltung: Während Männer den Nichtbesitz von Wertpapieren häufiger mit Zweifeln an der Anlageform begründen, zweifeln Frauen häufiger an sich selbst und trauen sich das Investment eher nicht zu.   

Die Ergebnisse der Studie zeigen sehr deutlich, dass beim Finanzwissen – oder genauer: in der Einschätzung der eigenen Kenntnisse – zwischen Frauen und Männern ein deutlicher Gender Gap klafft. Zwar ist das Interesse von Frauen an Finanz- und Wirtschaftsthemen in den vergangenen Jahren gestiegen, doch liegt es weiterhin deutlich unter dem der Männer. 

Noch gravierender ist die Differenz in der Selbsteinschätzung: Nur gut die Hälfte der Frauen hält sich in Geldangelegenheiten für gut oder sehr gut informiert, bei den Männern sind es drei Viertel. Beim Thema Börse schätzen sogar sieben von zehn Frauen ihr Wissen als gering ein, während dies bei Männern nur vier von zehn von sich sagen.

Solche Unterschiede haben Folgen. Wer sich unsicher fühlt, schiebt notwendige Finanzentscheidungen eher auf oder vermeidet sie möglicherweise ganz. Das gilt umso mehr für komplexe Themen wie Kapitalmarkt, Altersvorsorge oder Vermögensaufbau. Fehlendes oder als unzureichend empfundenes Finanzwissen kann so zur psychologischen Hürde werden – selbst dann, wenn objektiv Handlungsmöglichkeiten bestehen.

Traditionelle Rollenmuster kommen erschwerend hinzu. Denn in vielen Beziehungen haben weiterhin Männer die Finanzverantwortung inne. Frauen sehen zwar häufiger eine gemeinsame Zuständigkeit, faktisch aber liegen Finanzentscheidungen mit 53 versus 31 Prozent deutlich öfter in männlicher Hand. Das entlastet Frauen vielleicht kurzfristig, kostet langfristig jedoch Wissen, Erfahrung und Selbstvertrauen.

Wissen allein reicht nicht – aber ohne Wissen geht es nicht

Finanzielle Benachteiligung und fehlendes Finanzwissen verstärken sich gegenseitig. Wie die Ergebnisse der Studie zeigen, sind Frauen damit doppelt im Nachteil. Sie verfügen nicht nur über geringere finanzielle Ressourcen, sondern sind zusätzlich mit einer Wissens- und Selbstvertrauenslücke konfrontiert. Beides zusammen wirkt wie eine zweifache Bremse – beim Sparen, beim Investieren und bei der Altersvorsorge.

Mehr Finanzbildung speziell auch für Frauen ist daher kein „Nice-to-have“, sondern eine wichtige Voraussetzung auch für finanzielle Gleichstellung. Sie kann strukturelle Benachteiligungen nicht allein beseitigen, aber sie kann helfen, Handlungsspielräume zu erkennen und zu nutzen. Das Wissen und das Zutrauen zu gewinnen, die eigenen Finanzen selbst in die Hand zu nehmen, sollte möglichst schon im Elternhaus, allerspätestens jedoch in der Schule vermittelt werden.

Gleichzeitig bleibt klar: Ohne eine gerechtere Verteilung von Einkommen, Arbeitszeiten und Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern wird finanzielle Gleichstellung ein fernes Ziel bleiben. Finanzielle Unabhängigkeit beginnt nicht erst an der Börse, sondern bereits im Alltag, bei fairen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Christian Jung

Kontakt

Christian Jung

Digitale Inhalte und Kanäle

Das könnte Sie auch interessieren:

Bildungsurlaub Sprachkurs
Artikel

Bildungsurlaub: So nutzen Sie Ihren Anspruch

Spanisch lernen in Valencia, Finanzwissen in Brandenburg vertiefen oder den Umgang mit Künstlicher Intelligenz trainieren: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können sich jedes Jahr Zeit für ihre persönliche Weiterentwicklung nehmen.