Zwischen Generationengerechtigkeit und Generationenkonflikt?
Was die Deutschen dazu denken
Das Thema Generationengerechtigkeit ist in Deutschland zu einem politischen Spannungsfeld geworden. Die alternde Bevölkerung, die steigende Belastung der Sozialsysteme und die Frage nach einer fairen Verteilung von Wirtschaftsleistung und staatlichen Leistungen stellen das Verhältnis zwischen den Generationen zunehmend auf die Probe. Doch entsteht daraus tatsächlich ein tiefer gesellschaftlicher Konflikt zwischen Jung und Alt? Eine repräsentative Umfrage des Bankenverbands beleuchtet, wie die Menschen in Deutschland die demografische Entwicklung einschätzen – und ob sich daraus Hinweise auf einen Generationenkonflikt ergeben.
Wahrnehmungen zur „Alterung der Gesellschaft“
Fragt man die Bevölkerung danach, welche Assoziationen sie mit der Alterung der Gesellschaft verbinden, stehen finanzielle Belastungen klar im Vordergrund. 66 Prozent der Befragten nennen steigende Gesundheits- und Pflegekosten, 58 Prozent sorgen sich um die langfristige Stabilität der Renten. Themen wie der Fachkräftemangel (39%) oder die befürchtete politische „Übermacht“ der Älteren (16%) spielen dagegen eine deutlich kleinere Rolle.
Interessant ist, dass diese Einschätzungen über die Altersgruppen hinweg ähnlich sind – dennoch gibt es unterschiedliche Akzente. So wächst mit zunehmendem Alter die Sorge vor steigenden Pflegekosten. Während diese Befürchtung bei den 18- bis 29-Jährigen mit 51 Prozent noch moderat ausgeprägt ist, steigt sie bei den 30- bis 59-Jährigen auf 68 Prozent und erreicht bei den über 60-Jährigen gar 74 Prozent. Die ältere Generation schaut also besonders aufmerksam auf die Gesundheits- und Pflegekosten, was angesichts der eigenen Lebenssituation kaum überrascht.
Erwartete Konflikte zwischen Jung und Alt
Angesichts der demografischen Entwicklung stellt sich die Frage, ob die Bevölkerung mit zugespitzten Verteilungskämpfen rechnet. Schließlich stehen künftig immer mehr Rentnerinnen und Rentner immer weniger Beitragszahlenden gegenüber. Tatsächlich erwarten 63 Prozent der Befragten, dass es wegen der Finanzierung der Renten- und Krankenversicherung zu stärkeren Konflikten zwischen den Generationen kommen wird. Jüngere Menschen sehen diese Gefahr noch deutlicher als Ältere. Zwei Drittel der 18- bis 29-Jährigen rechnen mit einer Verschärfung der Konflikte, während unter den über 60-Jährigen gut jeder Zweite (56%) diese Einschätzung teilt.
Rente: Höhere Belastungen für die junge Generation
Dass steigende Rentenausgaben höhere Beiträge oder zusätzliche Steuerzuschüsse zur Folge haben, die jüngere Erwerbstätige langfristig stärker belasten, ist offenkundig weiten Teilen der Bevölkerung bewusst. So wird das jüngst beschlossene Rentenpaket von vielen als einseitige Belastung der jüngeren Generation wahrgenommen. 70 Prozent sehen in der Festschreibung des gegenwärtigen Rentenniveaus eine Benachteiligung der Jüngeren. Dieser Anteil sinkt mit zunehmendem Alter der Befragten etwas, doch selbst unter den über 60-Jährigen teilen noch knapp 60 Prozent diese Einschätzung. Angesichts dieses Konsenses wird man hier von einem harten Interessengegensatz zwischen den Generationen kaum sprechen können.
Staatsverschuldung und Generationengerechtigkeit
Neben der Rentenfrage wird auch die Staatsverschuldung im Zusammenhang mit der Generationengerechtigkeit diskutiert. Zwar halten sechs von zehn Befragten (59%) eine hohe Verschuldung des Staates nicht per se für ungerecht gegenüber der jungen Generation. Doch in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen sehen das nur 47 Prozent ebenso, während eine knappe Mehrheit von 53 Prozent sich durch hohe Schulden in ungerechter Weise belastet fühlt.
Gleichwohl wird die Staatsverschuldung auch von den Jüngeren nicht eindimensional auf das Thema Generationengerechtigkeit verengt, sondern differenzierter beurteilt. Mehrheitliche Zustimmung findet staatliche Verschuldung in allen Altersgruppen etwa, wenn sie einem konkreten Zweck dient und durch Handlungsnotwendigkeiten des Staates begründet ist. So halten es zwei Drittel aller Befragten (67%) für richtig, dass sich der Staat für Investitionen zur Sanierung der Infrastruktur in Deutschland hoch verschuldet. Immerhin noch eine Mehrheit von 59 Prozent findet auch die höheren Schulden zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit für gerechtfertigt.
Die Jüngeren sehen es nicht viel anders: 62 Prozent der 18- bis 29-Jährigen befürworten die hohe Staatsverschuldung im Zusammenhang mit dem Ausbau der Infrastruktur, 51 Prozent für die Mehrausgaben bei der Verteidigung. Für das mehrheitliche Votum dürfte auch eine Rolle spielen, dass eine weitere Vernachlässigung von Investitionen in diesen Bereichen der jungen Generation selbst auch schaden würde und keineswegs im Sinne der Generationengerechtigkeit wäre.
Fazit: Die demoskopischen Daten deuten teilweise auf divergierende Interessen und unterschiedliche Sichtweisen zwischen den Generationen hin, für einen fundamentalen Generationenkonflikt oder „Clash of Generations“ gibt es aber keine belastbaren Anzeichen. Der Großteil der Bevölkerung – der jüngeren wie der älteren – dürfte sich viel-mehr im Klaren darüber sein, dass es umfassender Reformen bedarf, um das Rentensystem zu stabilisieren und künftige Generationen finanziell zu entlasten.
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Christian Jung
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